Tadeusz Pankiewicz – Die Apotheke im Krakauer Ghetto

Tadeusz Pankiewicz – Die Apotheke im Krakauer Ghetto


Foto: Jerry Bergman




Als nach der deutschen Besetzung Polens in Krakau ein „jüdisches Wohnviertel“ eingerichtet wurde, fand sich seine Apotheke im abgezäunten Bereich des Krakauer Ghettos wieder. Da Pankiewicz sich erfolgreich, unter anderem mit Schmiergeld, gegen eine Verlegung der Apotheke wehrte, überstand die Apotheke die zweieinhalb Jahre des Ghettos von 1941 bis 1943. Die Apotheke überstand auch die weiteren Kriegsjahre und wurde 1951 in der Volksrepublik Polen verstaatlicht. In den 1980er Jahren wurde ein kleines Museum eingerichtet.





Für seinen Einsatz und die Hilfe bei der Rettung von Juden vor ihrer Ermordung im Holocaust wurde Pankiewicz 1983 mit dem Ehrentitel Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet. Seine Kriegserinnerungen beschrieb er in dem Buch Apteka w getcie krakowskim (Erstausgabe 1947). Das Manuskript für die deutsche Fassung des Buches, sowie das Foto befinden sich im Forschungsarchiv zur Person und Pädagogik von Janusz Korczak an der Hochschule Düsseldorf.





(Quelle: Wikipedia)


Künstlerisches Spektakel


Heute, vor 80 Jahren, am 15. Juli 1942, vier Tage vor Beginn der großen Deportation aus dem Warschauer Ghetto fand im Janusz-Korczak-Waisenhaus in der Siena-Straße 16 in Warschau die „letzte Aufführung im Ghetto“ statt, die von den Kindern aufgeführt wurde.
Wenige Tage zuvor, am 15. Juli 1942, waren Einladungen von diesem Haus verschickt worden. Auf ihnen stand nicht der Titel der Aufführung, sondern nur „Spektakel“. Es war ein Theaterstück mit dem Titel „Die Post“, das auf dem Nobelpreisträger Tagore basiert. In diesem Stück wird der Tod thematisiert, es wird vermutet, das Korczak den Kindern dadurch die Auseianndersetzung mit dem Tod ermöglichen und sie evtl. auf ihren eigenen Tod vorbereiten wollte.
Die Einladung war an Tzvi Lubetkin und Yitzhak „Antek“ Cukierman (stellvertretender Kommandant des Ghettoaufstands, Anielewicz) gerichtet.










Korczaks Kinder – Krieg spielen während des Krieges


„Krieg“ Spiel. Rózyczka 1940, die letzten Sommerkolonien. 




Die Kinder spielen seit Generationen Krieg. Früher war es mit Stöcken oder durch das Werfen von Sand oder einfach durch das gegenseitige Bespritzen mit Wasser. 





Jarek Abramow, Sohn von Igor Abramow verbrachte 1940 einen Teil seiner Ferien in Korczaks Sommerlager. In seinem Buch „Die Löwen meines Hofes“ beschreibt Abramow den Krieg mit Sand zwischen jüdischen Kindern aus dem Korczaks-Lager und den einheimischen polnischen Kindern. Jarek Abramow war zu dieser Zeit sieben Jahre alt. 





Ja, es war das Jahr 1940, also schon, während Polen besetzt war. Das Gebiet des Ghettos war noch nicht abgesperrt, sondern mit Schildern „Typhusepidemie“ markiert. Dann, am 12. Oktober 1940, zu Jom Kippur, wurden die Warschauer Juden informiert, dass das Ghetto eingerichtet wurde, das sich im nördlichen Teil der Stadt befand. 





Rózyczka Sommer 1940.




Kurz vor der Errichtung des Ghettos, im Frühjahr 1940, beschloss Korczak, ein Sommerlager für die Kinder aus „seinen Waisenhäusern“ durchzuführen. Korczak schrieb einen Brief an Stanislaw Krupka, den Bürgermeister der Gemeinde Wawer, und bat um Hilfe bei der Organisation des Sommerlagers. Korczak wollte den Kindern ein wenig Sicherheit und Ruhe vor dem Krieg geben. 





Er schrieb an Krupka: „Dies ist vielleicht die letzte Chance, die Kinder im Wald laufen zu lassen (…) es ist vielleicht der letzte Sommer.“ 





Bürgermeister Stanislaw Krupka organisierte sowohl den Transport als auch die Verpflegung für das Waisenhaus! Man muss bedenken, dass es den Polen nicht erlaubt war, Juden zu helfen. Nach diesem letzten Sommer schrieb Korczak mehrere Briefe an Krupka und schenkte ihm signierte Bücher. 





Nach dem Sommerlager kehrten die Kinder in das Waisenhaus Dom Sierot zurück. Doch nach der Errichtung des Warschauer Ghettos im Oktober 1940 wurden die Kinder Dom Sierot in das Gebäude in der Chłodna-Straße 33 innerhalb des Ghettogebiets umgesiedelt. Korczak wurde verhaftet, weil er nicht das von den Besatzungsbehörden angeordnete Band mit dem Davidstern für Juden trug. Als Korczak nach einem Monat der Verhaftung körperlich erschöpft zum Dom Sierot in die Chłodna-Straße 33 zurückkehrte, fühlten sich die Kinder wieder sicher. 





(Fotos und Text mit der Erlaubnis von Wroblewski: http://jimbaotoday.blogspot.com/2019/09/korczaks-childrem-playing-war-during-war.html )


Liebesbeziehungen im Waisenhaus


Liebe, Respekt und Vertrauen sind die Grundlage der Korczak-Philosophie zur Eriehung des Kindes.
Das Herz ist zum Lieben da.





Der Magen fühlt sich hungrig, wenn er leer ist und keine Nahrung bekommt, aber das Herz ist hungrig, traurig und voller Sehnsucht, wenn es nicht mit Liebe gefüllt ist! – schrieb Korczak.





Nicht nur Kinder“, sondern auch Jugendliche wohnten im Waisenhaus und die Liebe mit den damit verbundenen Emotionen blühte nicht nur in der Pädagogik, sondern auch unter ihnen – so wie es die erhalten gebliebenen Briefe zeigen.
Unten einige Beispiele von Liebesbriefen an Helenka, die das Waisenhaus in Richtung Argentinien verließ.









„Liebe Helenka,
als ich gestern von der Schule zurückkam, erfuhr ich, dass Du einen Brief geschickt hast. Und ich dachte mir, dass es noch nicht für mich sein kann.
Aber beim Abendessen habe ich zufällig gehört, wie Irka zu Sara sagte, dass sie einen Brief von Helenka bekommen hat (ich war weit weg, aber als sie den Namen Helenka erwähnten, wurde mein Gehör wach). Ich war wütend, warum nicht ich (bitte verzeih mir). Und am nächsten Morgen gab mir Irka Ihren Brief…“










Ein anderer Junge schrieb:
„Ich habe so tiefe Gefühle für Dich, und ich wage es zu sagen, ich liebe Dich.
Die ersten Tage habe ich kaum überlebt. Konnte mich nicht einmal von Dir verabschieden, verzeih mir (nur wenn du willst).





Nein, ich konnte nicht kommen, weil ich nicht wollte, dass der „Kreis“, zu dem ich gehöre, seine Schlussfolgerungen zieht. Ich weiß, bin mir durchaus bewusst, dass ich – – wie es scheint – einen „mächtigen“ Rivalen habe…










Verzeihen Sie mir, dass ich so mutig vorgehe. Ein Brief wie dieser und der Rest… Aber ich bin so inspiriert…
und bleibe voller Liebe für Dich.
(Vielleicht) Der Deine!
Dich immer liebend
P. S. Sie schalten das Licht aus, kann nicht weitermachen (bin im Schlafzimmerflur).
Chaim K. 25.III.39
Ich schließe meine Augen und träume von Dir,
Gute Nacht

Übersetzung aus dem Polnischen von Helena R. Brus.





(Bilder und Text übernommen mit freundlicher Genehmigung von Roman Wroblewski, http://jimbaotoday.blogspot.com/2019/12/love-at-janusz-korczak-orphanage-at-92.html)


Pesach in der Kleinen Rundschau


In der Kleinen Rundschau kamen Kinder zu aktuellen Themen zu Wort. Auch zu Pesach wurden Beiträge der Kinder veröffentlicht. Hier zwei Exemplare aus dem Jahr 1927 und 1930.
In diesem Sinne: Schöne Feiertage für alle, die feiern!






– Um acht Uhr abends gehe ich schlafen und um 12 Uhr stehe ich auf und setze mich an den Tisch – schreibt Kazio

– Der Tisch ist wunderschön gedeckt. Papi legt eine von der Mama gestickte Decke mit genähten Gebeten auf den Tisch. Papi zieht eine mit Gold bestickte Schürze und eine weiße Mütze an. Auf der einen Seite sitzen Mama und wir, auf der anderen Seite die Brüder und zwei arme Juden, die Papa zu den Feierleichkeiten einlädt. Einmal hat mein Papa einen Soldaten eingeladen. Man musste ihm früher Essen geben, denn er konnte nur bis 12 Uhr außerhalb der Kaserne sein. – schreibt Sara

– Wir essen Merretich, der einem die Tränen aus den Augen treibt. Das ist die Erinnerung daran, dass die Juden damals in Ägypten weinten.

– Früher habe ich nichts verstanden – schreibt Lolek – Ich wusste nur, dass man leckeres Essen isst. Erst letztes Jahr hat mein kleiner Bruder gefragt „kuszjot“ und ich habe nur gelächelt und an Freiheit gedacht, denn ich bin ein Mensch, der die Freiheit liebt.

April 1927







Immer schimpfen sie auf mich im Haus, weil Putzen angesagt ist und ich immer in ein anderes Zimmer ausweichen muss. Am schlimmsten ist, dass ich dann keinen Platz zum Hausaufgaben machen habe, und Mami hat keine Zeit auf meine Fragen zu antworten, sie sagt nur: Geh, nerv nicht (wörtl.: verdreh mir nicht den Kopf) – Hela

April 1930



Die Nächte im Dom Sierot






Der ehemalige Erzieher Wróblewski erzählt:





Ich hatte den Eindruck, dass für mich als Student der Nachtdienst der einfachste und bequemste Job im Waisenhaus war. Wenn die Kinder schliefen, konnte ich in Ruhe lernen. Aber jede Nacht gab es jemanden, der im Schlaf schrie oder weinte, und ich musste aufstehen, um zu sehen, was geschah, und etwas dagegen tun, damit der Rest in Ruhe schlafen konnte. Manchmal stand ich auf eigene Initiative auf, um mir die schlafenden Jungen anzusehen. Ich zog die Decke über einige von ihnen und hob gefallene Kissen auf. Eines Nachts hörte ich neben mir die ruhige Stimme von Korczak: „Wenn sie schlafen, ist es besser, sie nicht zu berühren. Es gab einen Grund, warum sie sich freigelegt haben. Ihnen war einfach heiß. So regulieren die Kinder unbewusst ihre Körpertemperatur.“ Er überlegte: „In all den Jahren habe ich mich gefragt, welcher Teil des Fensters offen sein sollte, um einen konstanten Frischluftstrom aufrechtzuerhalten, ohne dass es in den Schlafzimmern zu kalt wird. Das ist das Problem!“ Er näherte sich dem Fenster mit dem Fensterstab, mit dem er sie geöffnet und geschlossen hatte. Er kehrte zurück und fügte hinzu: „Jetzt ist es Zeit für dich, ins Bett zu gehen. Du solltest dich ausruhen. Ich mag es, den ungezogenen Jungen zuzusehen, wenn sie schlafen – sie sehen aus wie kleine Engel.“





Quelle der Fotos und des Textes: http://jimbaotoday.blogspot.com/2012/10/nights-at-korczaks-orphanage-at.html [Seite betrieben von Roman Wróblewski, Sohn von Herrn Misza]


Korczaks Tagebuch






Janusz Korczaks Tagebuch wurde von Misza Wasserman Wróblewski (Pan Misza) am Abend des 5. August 1942 in dem leeren Gebäude des Waisenhauses auf der Siennastraße 6 gefunden, nachdem alle Bewohner*innen deportiert wurden.





Herr Misza kam zusammen mit drei weiteren ehemaligen Erziehern des Waisenhauses von seiner Arbeit zurück ins Waisenhaus. Von Korczaks Tisch nahm er handbeschriebenes Papier, seine Brille und weitere Dokumente, und packte sie in zwei Koffer, die sich unter Korczaks Bett in der zweiten Etage befanden.  





Die Unterlagen brachte Herr Misza über die Ghettobrücke
auf der Chłodnastraße in die Wohnung von Felek Grzyb auf der Ostrowskastraße,
sprich ins große Ghetto.





Wer genau das Material über die Ghettomauer außerhalb
des Ghettos geworfen hat, daran konnte sich Herr Misza nicht mehr erinnern.





Sieben Tage nach der Deportation des Waisenhauses –
am 12. August – kommt Korczaks Tagebuch und andere Dokumente bei Igor Newerly
auf der anderen Seite der Mauer an.





Am 8. Januar 1943 überbringt Basia Abramow-Newerly
das Material ins Unser Haus in Bielana, wo es in Aktentaschen in einem Versteck
auf dem Dachboden eingemauert wurde.





1943 wurde Igor Newerly durch die Gestapo verhaftet
und war bis zum Ende des Krieges Gefangener in den Konzentrationslagern Majdanek,
Auschwitz, Oranienburg und Bergen-Belsen. Nach seiner Befreiung und Rückkehr
Ende 1945 bittet Igor Newerly Władysław Cichosz aus Unserem Haus darum, die
Dokumente wieder herauszubrechen an die Arbeitergesellschaft der Freunde von
Kindern zu übergeben.





Es dauerte sehr lange, bis das Tagebuch und die anderen Texte veröffentlicht wurden. Teilweise sind sie jedoch erst im Jahr 1988 in Warschau „aufgefunden“ und an Israel übergeben worden.





Quelle der Fotos und des Textes: http://jimbaotoday.blogspot.com/2015/06/pamietnik-dziennik-korczaka-i-jego.html [Seite betrieben von Roman Wróblewski, Sohn von Herrn Misza]


Roman in der Kleinen Rundschau






Die von Korczak herausgegebene „Kleine Rundschau“ wurde von den Kindern genutzt, um ihre eigenen Interessen zu vertreten oder sich zu beschweren.
Hier ein Beispiel:
„Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich bitte sehr um Rat in einer Sache, in der ich selbst nicht weiter weiß. Meine Mami und Papi und selbst mein Onkelchen haben mir gesagt, ich solle den ganzen Sommer lernen, damit ich [die Prüfung]in erste Klasse bestehe. Und wenn ich die erste Klasse bestehe, dann hat mir mein Onkelchen versprochen, ein Fahrrad zu geben. Ich hab meins getan, aber ein Fahrrad hab ich nicht bekommen. Ich habe meinen Onkelchen um das Fahrrad gebeten, aber mein Onkelchen verspricht immer von einem Tag auf den anderen.“ (25.02.1927)





Die Redaktion hat darauf geantwortet: „Onkelchen: Das Wort wurde geschworen; Roman hat seins getan, jetzt bist du an der Reihe.“
Einige Ausgaben später schreibt Roman dankbar, dass er sein Fahrrad erhalten hat.


Dom Sierot – das Waisenhaus


Im Jahr 1910 plante der Verein Hilfe für Waisen, dessen Vorstandsmitglied Korczak war, ein neues Haus zu bauen, das „Dom Sierot“ (Haus der Waisen) heißen sollte und „Sozialwaisen“ bzw. „Straßenkinder“ beherbergen sollte. Korczak beteiligte sich maßgeblich an den Planungen für das Haus, das in der Krochmalna 92 von Henryk Stifelmann und dem Verein Hilfe für Waisen als Bauherren gebaut werden sollte. Am 14. Juni 1911 erfolgte die Grundsteinlegung für den Bau des Waisenhauses. Es sollte ein Haus werden, das das Recht des Kindes auf Fürsorge im Rahmen der Würde eines jeden einzelnen Menschen realisieren sollte. In seinem 35. Lebensjahr widmete sich Korczak somit gemeinsam mit Stefania Wilczyńska, als neu eingestellten Haupterzieherin, ganz den Waisen. Er konnte dabei nunmehr seiner ärztlichen Berufung treu bleiben und gleichzeitig seinen pädagogischen Vorstellungen Raum geben (Beiner, 2011, S. 77 ff.).
Seine Entscheidung für die Übernahme der Leitung des Waisenhauses ging einher mit der zuvorigen Entscheidung, auf eigene Familie und Kinder zu verzichten, was er selbst jedoch nicht als Verlust ansah. (Mortkowicz-Olaczkowa, 1967, S. 91).
Im Oktober 1912 bezog Korczak mit der neuen Haupterzieherin Stefania Wilczyńska anschließend gemeinsam mit 85 Kindern, die zwischen sieben und fünfzehn Jahre alt waren, das neue Waisenhaus. Da das Haus beim Umzug nur provisorisch bezugsfertig war, fand die offizielle Einweihungsfeier erst am 27. Februar 1913 statt. Korczak wollte von Anfang an die Partizipation und Emanzipation der Kinder fördern und suchte sich daher Hilfe bei den Kindern selbst.






Kind als Individuum


Korczak hat immer sehr viel Wert darauf gelegt, von dem Kind als einzelnes Individuum in seiner Einzigartigkeit zu sprechen. Doch nicht nur er!
Stefania Wilczynska, die Co-Leiterin des Waisenhauses war diejenige, die sich überwiegend um die PraktikantInnen gekümmert hat und die Beobachtungsdokumentationen durchgesehen hat.
Wenn die PraktikantInnen von DEN Kindern gesprochen haben, hat Wilczynska regelmäßig angemerkt: „Wszystike?“ D.h. „Alle?“ Behaupten die PraktikantInnen wirklich, dass alle Kinder gleich sind?






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